Treading Water German

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 KAPITEL 1

Jack ließ sich Zeit dabei, den eigentlich unmöglichen Vier-Meter-Putt ganz genau zu durchdenken.

Jamie Booth, sein bester Freund und Geschäftspartner, seufzte ungeduldig. »Das schaffst du nie im Leben, Jack, also mach jetzt einfach, okay?«

»Hetz mich nicht.« Jack atmete tief durch und setzte den Putter an, während eine warme Frühlingsbrise von Rhode Islands Narragansett Bay heranwehte. Er tippte gegen den Ball, beobachtete überrascht, wie er ins Loch rollte, und reckte wie ein professioneller Golfer den Arm in die Luft.

Während ihre Klienten Jack gratulierten, stöhnte Jamie. »Das bekomme ich jetzt die nächsten Wochen lang garantiert täglich zu hören.«

»Da kannst du noch was lernen, mein Freund«, erklärte Jack triumphierend. »Also pass besser auf.«

Als die vier Männer zum fünfzehnten Abschlag hinübergingen, begann das Handy in seiner Tasche zu vibrieren. Er schaute auf die Nummer und stellte fest, dass es seine Frau Clare war. Nach dem furchtbaren Streit, den sie heute Morgen gehabt hatten, war er erleichtert, von ihr zu hören.

»Dad?«

Beim Klang der aufgelösten Stimme seiner ältesten Tochter stockte ihm das Herz. »Was ist los?«

»Mom.«

»Was? Was, Jill?«

»Sie wurde von einem Auto angefahren.« Jill schluchzte so heftig, dass er sie kaum verstand. »Sie bringen sie ins Krankenhaus in Newport.«

Ihre Worte jagten eine Welle der Angst durch ihn. »Ich bin unterwegs, Schatz«, brachte er heraus. »Ich bin gleich da.«

Er ließ Schläger und Kunden stehen und rannte über den Golfplatz.

Auf dem Parkplatz nahm Jamie ihm die Autoschlüssel ab. »Was ist los, Jack?«

»Es ist Clare.« Mit vor Schock tonloser Stimme berichtete er, was er erfahren hatte, während sie vom Parkplatz fuhren.

»O mein Gott«, murmelte Jamie.

Auf der kurzen Fahrt erschienen in rascher Folge Bilder vor Jacks geistigem Auge, Schlaglichter auf die knapp zwanzig Jahre, die er mit Clare an seiner Seite verbracht hatte. Sein Magen verkrampfte sich, als ihm die zornigen, hässlichen Worte wieder einfielen, die sie heute Morgen gewechselt hatten. Ihr darf nichts geschehen sein. Das kann einfach nicht wahr sein.

»Rede mit mir«, forderte Jamie ihn auf.

»Wir haben uns gestritten.« Er fühlte sich, als hätte er keine Verbindung mehr zur Wirklichkeit, als würde er einen Film über das Leben einer anderen Person anschauen.

»Wann?«

»Heute Morgen.«

»Ich hätte nie gedacht, dass ihr zwei euch überhaupt streitet.«

»Das haben wir auch nicht, aber in letzter Zeit … scheint es, als gäbe es nichts anderes mehr.« Bis zu diesem Augenblick war ihm das nicht mal bewusst gewesen, erst jetzt, da er sie verlieren könnte.

»Was ist heute Morgen passiert?«

»Sie … hat mich abgewiesen. Im Bett. Schon wieder. Ich weiß nicht mehr, wann sie mich das letzte Mal nicht weggestoßen hat. Es muss Monate her sein.«

»Du hast nie erwähnt, dass etwas nicht stimmt.«

»Ich hatte Angst davor, es laut auszusprechen. Aber jetzt, nachdem ich gehört habe, dass sie verletzt sein könnte …« Sorge und Angst vor dem, was er im Krankenhaus vorfinden würde, zerrissen ihn innerlich fast. »Oder Schlimmeres.« Er zwang sich dazu, durchzuatmen, und fragte: »Gott, was, wenn sie tot ist? Was, wenn das Letzte, was ich ihr an den Kopf geworfen habe, war: ›Wenn du nicht mehr mit mir verheiratet sein willst, dann sag es einfach‹?«

»Ihr kriegt das schon wieder hin. Ihr zwei habt eine gute Ehe, Mann. Was auch immer los ist, ihr kommt darüber hinweg.«

Vorausgesetzt, sie lebt noch, dachte Jack. Bitte, lass sie nicht sterben.

* * *

Sie hielten vor der Notaufnahme, und Jack sprang aus dem Auto. Drinnen fand er seine Töchter in der Obhut einer Krankenschwester und eines Polizisten. Jill, Kate und Maggie liefen ihm weinend in die Arme.

Mit rasendem Pulsschlag drückte er sie lange an sich, während ihr herzzerreißendes Schluchzen seine namenlose Furcht noch weiter wachsen ließ. »Könnt ihr mir erzählen, was passiert ist?«

Jamie legte einen Arm um Maggie und führte sie weg, damit ihre älteren Schwestern mit ihrem Vater reden konnten.

»Wir waren gerade aus der Mall raus«, weinte Jill und wischte sich die Tränen ab. »Das Auto kam direkt auf uns zu. Wir sind aus dem Weg gesprungen, aber sie blieb einfach stehen, und dann hat der Wagen sie getroffen.« Ein Schluchzen entrang sich ihr. »Sie ist über das Dach geflogen und auf der Straße gelandet.«

»Schon gut, Schatz«, tröstete Jack seine Tochter, während er das, was sie ihm erzählt hatte, verarbeitete. Bei der Vorstellung zog sich ihm die Brust zusammen. »Vielleicht ist sie einfach nicht rechtzeitig weggekommen.«

Kate schüttelte den Kopf. »Sie hat sich nicht gerührt. Als wollte sie, dass das Auto sie erwischt.«

»Ich kann mir vorstellen, wie beängstigend das gewesen sein muss, aber da täuschst du dich bestimmt«, beharrte er. »So etwas würde Mom nie tun.«

Durch die Schwingtür trat ein junger Arzt in das Wartezimmer. »Mr Harrington? Ich bin Dr. Rooney.« Er bedeutete Jack, mit ihm ein paar Schritte von den Mädchen wegzugehen.

Jamie ließ Maggie in der Obhut ihrer Schwestern und kam ebenfalls hinzu, um zu hören, was der Chirurg mitzuteilen hatte.

»Ihre Frau ist in einem äußerst kritischen Zustand. Sie hat eine schwere Kopfverletzung«, unterrichtete der Arzt Jack mit ernster Miene. »Zudem hat sie mehrere Brüche erlitten und einen Leberriss. Sobald wir sie stabilisiert haben, bringen wir sie in den Operationssaal, um die Milz zu entfernen und die Leber zu nähen.«

Wie unter Schock fragte Jack: »Aber sie wird doch wieder gesund, oder?«

»Die Kopfverletzung bereitet uns Sorgen. Wir werden sie in ein künstliches Koma versetzen, damit die Schwellung zurückgehen kann. Die nächsten vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden sind entscheidend.«

Jacks Hände zitterten, also schob er sie in die Hosentaschen. »Wie lange bleibt sie im Koma?«

»Hoffentlich nur ein paar Tage«, antwortete Dr. Rooney. »Wir müssen abwarten, was passiert, wenn wir die Sedierung reduzieren.«

»Was könnte denn passieren?« Noch nie hatte er solch unerträgliche Angst empfunden. »Sie wird wieder aufwachen, oder nicht?«

»Das weiß niemand. Die Kopfverletzung ist leider schwerwiegend. Ich wünschte, ich könnte Ihnen mehr sagen, aber zu diesem Zeitpunkt bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten. Es tut mir leid.«

»Ich möchte sie sehen.«

»Ich hole Sie, sobald sie die Operation hinter sich hat«, versprach der Arzt, ehe er sie verließ.

»Ein Koma«, murmelte Jack ungläubig.

Jamie drückte ihm die Schulter. »Warum rufst du nicht deine Mutter an und bittest sie, dir mit den Mädchen zu helfen?«

»Ich fasse es nicht. Sie war noch nie in ihrem Leben krank. Weißt du noch, wie es ihr nach der Geburt der Mädchen ging?«

»Ich erinnere mich. Sie ist Superwoman, du musst dir also keine Sorgen machen. Ich bin mir sicher, dass sie schon bald nach dir fragen wird.«

»Ja«, stimmte Jack zu. »Ganz bestimmt.«

* * *

Die Chirurgen entfernten Clare die Milz, flickten ihre Leber und versorgten den übel zugerichteten Arm und das Bein. Eine Woche später stellten ihre Ärzte erleichtert fest, dass sie selbstständig atmete, als sie sie extubierten. Ermutigt von diesem Erfolg reduzierten sie auch die Sedierung.

Jack, die Mädchen, seine Schwester, Clares Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester hielten rund um die Uhr Wache an ihrem Bett. Sie sangen ihr vor, spielten ihre Lieblingsmusik, weinten, flehten, bettelten, bis sie heiser waren, aber sie erlangte das Bewusstsein nicht wieder.

Am Ende der dritten Woche bat Dr. Blake, der Neurologe, Jack um ein Gespräch. Beunruhigt über das, was er hören würde, bat Jack seine Schwester Frannie, ihn zu begleiten.

»Ich fürchte, es gibt nichts mehr, was wir für Ihre Frau tun können. Sie hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten, und ich kann Ihnen da leider keine Hoffnungen machen. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass sie aus dem Koma aufwachen wird, aber extrem unwahrscheinlich.«

Jack und Frannie atmeten bei diesen Worten des Arztes scharf ein.

»Was soll das heißen?«, verlangte Jack zu wissen. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Aber es ist keine leichte.«

»Was meinen Sie damit?«

»Da Ihre Frau keine Patientenverfügung hat, können Sie als nächster Angehöriger Entscheidungen für sie treffen.«

»Wollen Sie damit vorschlagen, dass ich sie sterben lasse?«

»Das ist eine Option, die Sie vermutlich früher oder später in Erwägung ziehen müssen.«

»Nennen Sie mir die anderen, denn das steht nicht zur Debatte.«

»Mr Harrington, sie ist dreiundvierzig Jahre alt. Sie könnte Jahrzehnte in diesem Zustand verharren.«

Jack hob die Hand, um den Arzt zu unterbrechen. »Ist sie hirntot?«

»Genau genommen nicht …«

»Dann will ich kein weiteres Wort darüber hören, dass wir ihr Leben beenden sollten. Solange es noch Aktivität in ihrem Gehirn gibt, will ich, dass sie gepflegt wird, als ob sie sich wieder erholen könnte.«

»Wir glauben nicht, dass das passieren wird.«

»Solange es auch nur eine verschwindend geringe Chance gibt …«

»Diese Chance liegt bei nicht mal einem Prozent.«

»Aber eben nicht bei null«, entgegnete Jack mit einem Blick, der den Neurologen davor warnte, ihm zu widersprechen.

Der Arzt schien zu erkennen, dass eine weitere Diskussion zwecklos war. »In ein paar Tagen werden wir sie entlassen. Ich schlage vor, Sie sehen sich nach einer Langzeitpflege um. Wenn es Ihnen weiterhilft, kann ich Ihnen ein paar Einrichtungen nennen.«

Wieder allein mit seiner Schwester, rang Jack darum, zu begreifen, was ihm der Arzt mitgeteilt hatte.

»Ich werde herziehen, Jack«, verkündete Frannie entschlossen. Sie wohnte in New York, wo sie als Künstlerin tätig war, und ihre kurze zweite Ehe war gerade geschieden worden. »Ich helfe dir mit den Mädchen und bei allem, was du brauchst.«

»Das kann ich nicht von dir verlangen.«

»Das hast du auch nicht. Aber ich möchte es tun.« Sie fasste nach seiner Hand und blickte ihn aus ihren haselnussbraunen Augen mitfühlend an. »Was wäre jetzt wichtiger, als dafür zu sorgen, dass es den Mädchen so gut wie möglich geht?«

»Nichts«, stimmte er ihr zu und musste sich eingestehen, dass er das, was sie ihm anbot, dringend brauchte. Außerdem war er viel zu erschöpft, um mit ihr zu streiten. »Danke, Fran.«

Sobald Frannie aufgebrochen war, um Maggie von einer Freundin abzuholen, kehrte Jack in Clares Zimmer zurück, wo er den größten Teil der letzten drei Wochen verbracht hatte. Trotz der Magensonde, der sich langsam gelb verfärbenden Prellungen und der Gipsverbände an Arm und Bein sah sie aus wie immer, und er sehnte sich schmerzlich danach, sie zurückzuhaben. Er wünschte sich, sie würde ihn wieder mit den strahlend blauen Augen anschauen und ihm dieses besondere Lächeln schenken, das sie nur für ihn reserviert hatte, damals, als zwischen ihnen noch alles in Ordnung gewesen war.

Er nahm ihre Hand, hielt sie sich ans Gesicht und strich ihr mit der anderen das blonde Haar aus der Stirn. »Ich weiß, dass du mich hörst«, flüsterte er. »Das, was mir neulich Morgen rausgerutscht ist … Das habe ich nicht so gemeint. Das weißt du. Was auch immer das Problem ist, wir kriegen das wieder hin. Du musst zu mir zurückkehren. Bitte, Clare. Gib nicht auf.«

Wie hatte das nur passieren können? Wenn die Mädchen recht hatten, dann hatte sie zugelassen, dass das Auto sie erwischte. Aber warum? Die Fragen ließen ihm keine Ruhe, bescherten ihm schlaflose Nächte und furchtbare Tage. Seit ihrem Unfall durchlebte er in Gedanken jede Minute, an die er sich aus den vergangenen Monaten erinnerte. Etwas war zwischen ihnen definitiv nicht in Ordnung gewesen. An die Stelle ihres sonst so heiteren, fröhlichen Wesens waren langes Schweigen und schlechte Träume getreten, von denen sie geglaubt hatte, er hätte sie nicht bemerkt. Aber jedes Mal, wenn er versucht hatte, sie darauf anzusprechen, war sie ihm ausgewichen.

Ihr eigentlich leidenschaftliches und befriedigendes Sexleben hatte sich förmlich in nichts aufgelöst. War es möglich, dass sie sich mit einem anderen eingelassen hatte? Hatte sie beschlossen, diese Ehe zu beenden, die zu den Errungenschaften in seinem Leben zählte, auf die er am stolzesten war? Hatte sie auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, um es ihm mitzuteilen?

Nein. Nicht Clare. Sie liebte ihn. Von Anfang an hatten sie einander geliebt und hatten eine Ehe und Familie, um die andere sie beneideten. Sie würde ihn nie verlassen. Als er jedoch die blasse, reglose Frau im Krankenhausbett anschaute und sich daran erinnerte, wie sie dort gelandet war, war er sich nicht mehr so sicher.

Da betrat Jill das Zimmer, und Jack zwang sich für seine älteste Tochter zu einem Lächeln.

»Hi, Schatz.«

»Hey.« Sie betrachtete ihre Mutter mit graublauen Augen, die seinen so ähnlich waren. »Keine Veränderung?«

Da er es nicht über sich brachte, ihr zu sagen, was der Neurologe ihm eröffnet hatte, schüttelte er den Kopf. »Kann ich dich etwas fragen?«

Sie trat auf die andere Seite des Bettes und legte eine Hand auf den Arm ihrer Mutter. Obwohl sie erst fünfzehn war, bewegte sie sich mit der Selbstsicherheit einer Frau, die doppelt so alt war. »Klar.«

»Bevor das hier passiert ist, ist dir da … du weißt schon … eine Veränderung bei deiner Mom aufgefallen?«

»Meinst du das wirklich ernst?«

Die sarkastische Antwort überraschte ihn. »Zum Beispiel?«

»Sie war doch total abgelenkt, planlos und zerstreut. Außerdem hat sie dauernd etwas vergessen – zum Beispiel Maggie von der Schule abzuholen. Das ist ganz schön oft vorgekommen. Die Schule hat zu Hause angerufen, und ich musste hinfahren, weil wir Mom nicht erreichen konnten.«

Jack sah sie fassungslos an. »Warum habt ihr mir nichts davon erzählt?«

Ihr Achselzucken war typisch Teenager. »Wir dachten nicht, dass es dich interessiert.«

»Warum um alles in der Welt habt ihr das geglaubt?«

»Du interessierst dich doch sowieso nur für deine Arbeit und dafür, Geld zu verdienen. Wir sind dir völlig egal.«

Er starrte sie an, und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. »Das mache ich doch nur für euch, für dich und deine Schwestern.« Er sah zu Clare runter. »Und für eure Mutter.«

»Wann warst du das letzte Mal bei einem meiner Lacrosse-Spiele oder hast dir eines von Maggies Fußballspielen angesehen? Weißt du überhaupt, dass Maggie jetzt Fußball spielt?«

Wo kam das jetzt her? Wie lange hatte sie ihm das schon an den Kopf werfen wollen? »Es tut mir leid, dass du glaubst, ihr wärt mir egal. Ich liebe euch mehr als alles andere auf der Welt. Und ich habe immer versucht, euch das zu zeigen.«

Der kalte Blick, mit dem sie ihn bedachte, verriet ihm, dass er dabei elendig versagt hatte.

»Ich habe versucht, mit ihr über ihre Probleme zu reden, aber sie hat abgeblockt«, gestand er.

»Ich frage mich, ob wir es jemals erfahren werden.«

Er brachte es nicht über sich, ihr zu sagen, dass der Arzt dachte, ihre Mutter würde vermutlich nie wieder aufwachen.

* * *

Frannie hielt die Tränen zurück, bis sie auf dem Parkplatz ankam und nicht länger dagegen ankämpfen konnte.

»Fran«, rief Jamie aus der nächsten Parkreihe. Während er – groß, blond und gut aussehend – zu ihr joggte, wischte sie sich rasch mit den Händen die Wangen trocken.

Er blieb vor ihr stehen. »Hey.« Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und zwang sie dazu, seinen Blick zu erwidern. »Was ist los?«

Sie erzählte ihm, was der Arzt ihnen mitgeteilt hatte, und erneut traten ihr Tränen in die Augen.

»Verdammt«, flüsterte er und zog sie an sich.

An seiner starken Brust entspannte sie sich und wünschte sich, sie könnte dort für immer bleiben. »Warum musste ihr das nur zustoßen? Ihnen allen?«

»Ich wünschte, ich wüsste es.« Er seufzte tief, was ihr verriet, dass auch er aufgewühlt war. Als Jacks bester Freund und Geschäftspartner sowie Patenonkel der Mädchen war er eng mit Clare befreundet. Fran redete sich ein, dass es bei dieser Umarmung lediglich um Trost ging, und legte die Arme um seine Taille.

»Schaffst du das?«, erkundigte er sich, nachdem sie sich eine Weile so gehalten hatten.

»Was bleibt mir denn anderes übrig?« Widerstrebend ließ sie ihn los und trat einen Schritt zurück. »Mein Bruder braucht mich.«

Er griff nach ihrer Hand. »Und ich bin hier, falls du jemanden brauchst. Das weißt du, oder?«

Sie wünschte sich, sie hätte den Mut, ihm zu offenbaren, wie sehr sie ihn brauchte, aber den hatte sie noch nie aufgebracht, und jetzt war ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt. »Danke. Darauf komme ich vielleicht wirklich zurück. Ich ziehe bei Jack und den Mädchen ein.«

»Im Ernst?« Diese Neuigkeit schien ihn ernsthaft zu freuen.

»Ich kann nicht zwischen hier und New York pendeln, und die Kinder brauchen jemanden, auf den sie sich verlassen können.«

»Was für ein Glück, dass sie dich haben.« Er strich ihr eine Strähne hinters Ohr und überraschte sie, indem er ihr einen langen Kuss auf die Stirn gab. »Was auch immer du brauchst, wann auch immer du es brauchst, ich bin für dich da.«

Bei seinen leisen Worten wäre sie beinahe wieder in Tränen ausgebrochen. »Ich gehe jetzt besser. Maggie wartet auf mich.«

»Pass auf dich auf, Fran.« Er öffnete ihr die Autotür und hielt sie auf, damit sie einsteigen konnte.

Sie winkte ihm zu, als sie an ihm vorbeifuhr. Ein Blick in den Rückspiegel verriet ihr, dass er ihr noch immer nachsah.

* * *

Frannie zog mit Sack, Pack und Staffelei ein, um sich um die Kinder zu kümmern, während Jack Anrufe tätigte, im Internet recherchierte und den Rat von Spezialisten im ganzen Land einholte. Alle erzählten ihm das Gleiche: Je länger das Koma andauerte, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass seine Frau jemals wieder aufwachte.

Da er sich weigerte, Clare in ein Pflegeheim zu bringen, holte er sie zu ihnen in das große, moderne Haus, das er vor fünf Jahren für sie geplant und errichtet hatte. Er ließ das Esszimmer im Erdgeschoss umbauen, um dort ein Krankenhausbett und die Geräte unterzubringen, die vom Pflegepersonal benötigt wurden, das rund um die Uhr zur Verfügung stand. Die meisten Nächte verbrachte er auf dem Sofa, das er in das Zimmer geschoben hatte, damit sie nie alleine war.

Eine Woche nachdem sie Clare aus dem Krankenhaus nach Hause geholt hatten, erhielt er einen Anruf von Sergeant Curtis, dem Polizeibeamten aus Newport, der den Unfall untersucht hatte. Der Fahrer hatte einen tödlichen Herzinfarkt erlitten, was erklärte, warum das Auto ungebremst über den Parkplatz des Einkaufszentrums gerast war. Jack hatte den Fall, soweit er die Polizei betraf, für abgeschlossen gehalten.

»Ich wollte fragen, ob ich kurz vorbeikommen kann«, erkundigte sich Curtis.

»Gibt es was Neues?«

»Es gibt da etwas, worauf Sie unbedingt mal einen Blick werfen sollten.«

Eine Viertelstunde später öffnete Jack dem großen, blonden Polizisten die Tür, und sie schüttelten sich die Hand.

»Was haben Sie da?« Mit dem Kopf zeigte er auf die CD, die der Officer dabeihatte.

»Ich habe endlich das Video der Überwachungskamera vom Parkplatz der Mall bekommen. Ich glaube, Sie sollten sich das ansehen, aber ich muss Sie warnen, es ist kein schöner Anblick.«

Jack schluckte schwer und bedeutete Curtis, ihm ins Wohnzimmer zu folgen. Dort legte er die CD in den DVD-Player, schaltete den Fernseher ein und verfolgte in bestürztem Schweigen, wie seine Töchter vor dem heranrasenden Auto aus dem Weg sprangen, sich umdrehten und ihrer Mutter zuschrien, sie solle ebenfalls ausweichen.

Sie hatten genug Zeit, um sich umzudrehen und zu rufen. Also hatte auch Clare Zeit, sich zu rühren, aber sie tat es nicht. Sie stand nur da und ließ zu, dass das Auto sie erwischte, direkt unter den entsetzten Blicken ihrer Töchter.

»Ich verstehe das nicht«, flüsterte Jack, als er es ein zweites Mal abspielte. »Warum in aller Welt ist sie nicht ausgewichen?«

»Fällt Ihnen … irgendein Grund ein, weshalb sie sich das Leben nehmen sollte?«

»Natürlich nicht«, entgegnete er, aber nach seinem Gespräch mit Jill war er sich da nicht mehr so sicher. »So etwas würde sie nie tun, ganz besonders nicht vor den Kindern. Sie waren ihr Ein und Alles.«

»Es tut mir leid. Ich wollte damit nicht andeuten …«

»Dass meine Frau Selbstmordgedanken hatte?«

»Ich meine nur … Warum hat sie sich nicht in Sicherheit gebracht?«

In hilfloser Verzweiflung konnte Jack nur den Kopf schütteln. »Ich weiß es nicht.«

 

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ISBN
E-Book: 978-0991418299