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Wohin das Herz mich führt, Neuengland-Reihe 2

Die berührende Fortsetzung von »Vergiss die Liebe nicht« ‒ Band 2 der ersten Romanreihe der Bestsellerautorin Marie Force.

Clare Harrington ist nach drei Jahren aus dem Koma erwacht ‒ ein medizinisches Wunder. Doch was seitdem passiert ist, war alles andere als wunderbar: Ihr perfektes Leben liegt in Scherben, ihre Ehe steht vor dem Aus. Nun ist es an Clare, herauszufinden, was das Leben noch für sie bereithält.

Kurzentschlossen entscheidet sie sich für einen Szenenwechsel und fährt nach Vermont, um ihrem Bruder einen Gefallen zu tun und die Renovierungsarbeiten an seinem Haus zu überwachen ‒ und trifft dabei den so attraktiven wie faszinierenden Aidan.

Währenddessen ist ihre achtzehnjährige Tochter Kate, eine talentierte Sängerin und Songwriterin, entschlossen, das ihr von ihren Eltern zugestandene Jahr zu nutzen und ihren Traum von einer Karriere in Nashville wahr zu machen. Wer hätte ahnen können, dass sie sich dort in einen viel älteren Mann verliebt ‒ ausgerechnet einen alten Studienfreund ihres Vaters …

Von Newport, Rhode Island, über Nashville, Tennessee, bis nach Stowe, Vermont erzählt »Wohin das Herz mich führt« eine Geschichte von neuen Anfängen und neuer Liebe.

978-1946136114

 

KAPITEL 1

 

Clare sah erneut auf die Uhr. Halb zwei. Es ist bestimmt schon vorbei. Mein Mann – oder sollte ich sagen: Exmann? – ist wieder verheiratet.

»Exmann«, murmelte sie schaudernd. Unvorstellbar. Geschieden … Was für ein hässliches Wort.

Mit dem Rollstuhl fuhr sie durch das Zimmer der Reha-Klinik und betrachtete den heißen Augusttag durch die Fensterfront. Irgendwo am Ten Mile Ocean Drive im historischen Newport hatten Jack und Andi einander das Eheversprechen gegeben. Er hatte jetzt eine neue Familie. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, hatte die ganze Sache ins Rollen gebracht, indem sie ihn freigab, aber das erleichterte ihr die Vorstellung nicht, dass »ihr« Jack mit einer anderen verheiratet war. »Er ist nicht mehr ›mein‹ Jack«, sagte sie halblaut.

Die Tür öffnete sich. »Mrs Harrington?«

Sie korrigierte die Schwester nicht. Sie war nicht mehr »Mrs«. »Ja?«

»Ihre Physiotherapie fängt gleich an.«

Clare warf einen letzten Blick aus dem Fenster und fragte sich, was Jack in diesem Augenblick machte. Küsste er seine Braut? Hielt er eine Tischrede? Tanzte er mit einer ihrer beider Töchter? Sie schüttelte den Kopf, wütend auf sich selbst, dass sie sich, wenn auch nur kurz, diesen Gedanken gestattet hatte. Was brachte das jetzt noch?

»Gehen wir.« Sie rollte zur Tür, damit die Schwester sie über die langen Korridore zur Physiotherapie schieben konnte.

* * *

Nach dem Abendessen kämpfte sich Clare in einen leichten Pyjama. Sie war stolz darauf, Dinge selbst erledigen zu können, auch wenn es so kleine Dinge waren, wie sich umzuziehen. Jeder winzige Sieg war ein Schritt nach vorn. Nachdem sie sich mit dem Rollstuhl durch den Raum bewegt hatte, den sie seit vier Monaten ihr Zuhause nannte, stemmte sie sich aus dem Stuhl aufs Sofa – etwas, das sie erst seit Kurzem wieder konnte. Ihre Genesung schritt langsam, aber stetig voran.

Dass es ihr inzwischen so viel besser ging, war ein Wunder, zumindest behaupteten das alle. Niemand hatte damit gerechnet, dass sie überhaupt aus dem Koma erwachen würde, in dem sie drei Jahre lang gelegen hatte, nachdem sie von einem Auto angefahren worden war. Doch vor vier Monaten war sie entgegen allen Erwartungen nach einem fiebrigen Infekt erwacht, von dem die Ärzte befürchtet hatten, sie würde ihn nicht überleben. Ja, ein wahres Wunder. Alles, was seither geschehen war, war weniger wunderbar gewesen: Ihre zwanzig Jahre währende Ehe war in die Brüche gegangen, und ihre Tage bestanden jetzt daraus, sich zu plagen und zu quälen, um wieder ganz gesund zu werden.

Sie wusste, dass sie Glück gehabt hatte, aber sie war das Wort inzwischen herzlich leid. Die Ärzte hatten ihr mitgeteilt, dass sie sich sehr wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens mit körperlichen Einschränkungen würde abfinden müssen, darunter chronischen Harnwegsinfekten, einer Neigung zur Lungenentzündung, Abgeschlagenheit, Muskelkrämpfen und anderen Nachwirkungen ihrer dreijährigen Untätigkeit. O ja, was für ein wirklich tolles Wunder.

Eine Schnulze im Fernsehen lenkte sie ab, und es war eine Erleichterung, zur Abwechslung in das Drama anderer abzutauchen. Als es an der Tür klopfte, stellte sie den Fernseher stumm. »Herein«, rief sie und erkannte überrascht, dass es Jacks Schwester Frannie Booth war.

»Kann ich reinkommen?«

»Natürlich«, versicherte Clare ihrer ehemaligen Schwägerin. »Setz dich.«

Frannie durchquerte das Zimmer und nahm neben ihr auf dem Sofa Platz. Sie hatte das kastanienrote Haar in einer eleganten Hochsteckfrisur, die sie zu der Hochzeit ihres Bruders getragen hatte.

»Ich hatte dich nicht erwartet, schon gar nicht heute Abend«, meinte Clare, die das geblümte gelbe Seidenkleid bewunderte, das Frannie noch anhatte. »Du siehst fantastisch aus.«

»Danke. Ich musste an dich denken und wollte mal nach dir schauen.«

»Mir geht es gut. Du hättest nicht kommen müssen.«

»Ich wollte es aber.«

»Wie war es?« Clare bemühte sich, gelassen zu klingen, wobei sie sich eine Strähne ihres widerspenstigen blonden Haars um einen Finger wickelte.

»Es war sehr schön, aber etwas aufregender als gedacht. Andis Fruchtblase ist beim Empfang geplatzt. Sie hat die Jungs dort im Hotel zur Welt gebracht. Die Ärztin behauptet, sie könnten eineiig sein.«

»Aha.« Clare kämpfte darum, sich nichts anmerken zu lassen. Jack hatte Söhne.

»Es ist alles so schnell passiert.« Lächelnd schüttelte Frannie den Kopf. »Offenbar hatte sie schon die ganze Nacht in den Wehen gelegen, es aber nicht weiter ernst genommen, weil sie es für Rückenschmerzen hielt.«

Clare gab sich Mühe, keine Miene zu verziehen, während sie die Neuigkeit verarbeitete, dass die Babys einen Monat zu früh gekommen waren. »Geht es ihnen gut?«

»Ja.«

»Die Mädchen sind sicher ziemlich aufgeregt«, bemerkte Clare im Hinblick auf ihre Töchter.

»Allerdings.«

»Wie sollen die Babys heißen?«

»Sie haben sie nach Jack und ihren Großvätern benannt: John Joseph Harrington der Vierte und Robert Franklin Harrington. Johnny und Robby.«

Trotz größter Anstrengung füllten sich Clares Augen mit Tränen. »Johnny und Robby«, flüsterte sie.

»Entschuldige, ich wollte dich nicht aufregen.«

Clare trocknete sich die Augen. »Schon gut.«

»Seit Wochen habe ich vor, dich zu besuchen, um dir zu sagen … dass das, was du getan hast … ihn freizugeben …« Ein ehrfürchtiger Ausdruck legte sich auf Frannies Gesicht. »Das war wirklich selbstlos von dir.«

»Es war das Einzige, was ich tun konnte. Selbstsüchtig war es, und zwar mehr als alles andere.«

»Nein, das war es nicht. Es war unglaublich. Ich weiß nicht, ob ich das fertiggebracht hätte.«

Es versetzte Clare einen schmerzhaften Stich direkt ins Herz. »Ich will nicht mehr darüber reden. Es ist vorbei und erledigt. Aber ich bin aus einem anderen Grund froh, dass du da bist.«

»Der wäre?«

»Ich hatte eine Menge Zeit, um darüber nachzudenken«, erklärte Clare mit einem kleinen Lächeln. »Ich weiß nicht, ob ich dir für das, was du getan hast, während ich im Koma lag, jemals angemessen gedankt habe. Ich meine, dass du anderthalb Jahre deines Lebens aufgegeben hast, um dich um meine Kinder zu kümmern …«

»Es war mir eine Freude, für die Mädchen da zu sein. Dafür musst du mir nicht danken. Du hättest dasselbe für mich getan. Geht es dir auch wirklich gut?«

Argwöhnisch hob Clare eine Augenbraue. »Hat Jack dich hergeschickt, um nach mir zu sehen?«

»Diesmal nicht. Ich glaube, er ist so davon überwältigt, dass die Babys mitten auf der Hochzeit zur Welt gekommen sind, dass er sich im Moment nicht mal an seinen eigenen Namen erinnert.«

Sie lachten beide.

»Da bin ich mir sicher«, stimmte Clare zu. »Mir geht es gut. Mach dir um mich keine Sorgen.«

»Ich bin auch gekommen, weil ich etwas für dich habe.« Frannie zog ein Buch mit Ledereinband aus der Tasche. Sie drückte es sich für einen Moment an die Brust und sammelte sich. »Kurz nachdem ich bei Jack und den Mädchen eingezogen bin, habe ich ein Tagebuch angefangen. Es war komisch, da ich noch nie zuvor eines geführt hatte, aber ich hatte plötzlich das Bedürfnis, alles aufzuschreiben. Jedenfalls habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich es dir geben soll. Aber dann erkannte ich, dass ich es die meiste Zeit für dich getan habe. Ich habe es für dich geschrieben.«

»Hast du geglaubt, dass ich mich wieder erhole? Niemand scheint das für möglich gehalten zu haben.«

»Nein, ich auch nicht. Aus irgendeinem Grund habe ich aber begonnen, alles festzuhalten, und als ich es vor Kurzem noch mal überflogen hab, habe ich verstanden, dass ich es für dich geführt habe, als würde ich mit dir reden. Das hatte ich mir nicht bewusst vorgenommen. Ach, ich erkläre das nicht gut.«

»Doch, das tust du. Zeigst du es mir?«

Frannie reichte Clare das Buch. »Ich dachte mir, dass du dich darüber freuen würdest, einen Teil der Zeit mit den Mädchen, die du verloren hast, gewissermaßen aus zweiter Hand nachzuerleben, wenn du darüber liest. Es stehen auch andere Dinge drin, die dir wehtun werden. Ich wünschte, ich könnte dir das ersparen. Deshalb hab ich es dir bisher auch nicht gegeben.«

»Du hast auch über sie geschrieben, nicht wahr? Über Jack und Andi?«, fragte Clare, die mit der Hand über den Ledereinband strich.

»Ja, und ich weiß nicht, ob du diese Abschnitte lesen solltest.«

»Vielleicht überspringe ich sie. Du hast keine Ahnung, wie viel mir das bedeutet.«

»Ich denke, vielleicht doch. Schließlich bin ich jetzt auch Mutter, schon vergessen? Wenn du darüber reden willst – egal über was –, dann musst du es nur sagen.«

»Danke.« Als hätte sie ein unschätzbares Geschenk erhalten, griff Clare nach Frannies Hand und drückte sie. »Vielen Dank.«

»Ich hoffe, dass du mir auch noch danken wirst, wenn du es gelesen hast«, erwiderte Frannie. »Hast du schon Pläne für die Zukunft?«

Clare zuckte die Achseln. »Noch nicht. Ich habe wohl noch einen Monat Reha vor mir, dann kann ich nach Hause, behaupten sie. Ich bin mir nicht sicher, was ich als Nächstes mache.« Sie verzog das Gesicht zu einem ironischen Lächeln. »Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren weiß ich nichts mit mir anzufangen.«

»Ich hege keinen Zweifel daran, dass du was findest. Und ich weiß, die Mädchen freuen sich schon darauf, dass du nach Hause kommst. Brauchst du noch etwas?«

»Dein Bruder hat dafür gesorgt, dass es mir niemals an etwas mangeln wird. Ich habe letztens meine Kontoauszüge erhalten, und mir wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen.«

»Er will nicht, dass du dir darüber Gedanken machen musst, wovon du leben sollst.«

»Mit dem ganzen Geld habe ich ganz sicher keine finanziellen Probleme mehr. Das hätte er nicht tun müssen.«

»Doch, hat er.«

Clare lächelte. »Ich bin froh über deinen Besuch, Frannie. Kommst du noch mal mit deinen Babys her? Ich würde sie liebend gern kennenlernen.«

»Darauf kannst du wetten.«

* * *

»Kommen Sie schon, Clare, noch einen Schritt. Nur noch einen.«

Schweiß rann ihr über das Gesicht, während sie sich mit den Krücken abmühte. »Sie sind ein Sadist, Jeffrey.«

»Sie mögen mich. Das wissen Sie.«

Sie investierte ihre letzten Energiereserven in diesen einen Schritt und stützte sich dann an seinen ausgestreckten Armen ab.

»Klar«, keuchte sie. »Erinnern Sie mich noch mal daran.«

Hinter ihnen klatschte jemand.

Sie drehte sich um und stellte fest, dass ihr Arzt sie beobachtete. »Großartig, Publikum«, brummte sie, bevor sie sich den Schweiß vom Gesicht wischte.

Dr. Paul Langston durchquerte den Raum. »Das war hervorragend. Ich habe mindestens fünfzig Schritte gezählt.«

»Ich sogar fünfundfünfzig«, widersprach Jeffrey.

»Ich kann mich nicht daran erinnern, Ihnen eine Einladung geschickt zu haben, Dr. Paul. Was wollen Sie hier?« Clare dankte Jeffrey, nachdem er ihr in den Rollstuhl geholfen hatte.

»Ich wollte nach meiner Lieblingspatientin schauen. Brauche ich eine Einladung?«

Sie gönnte sich einen langen Schluck aus der Wasserflasche. »Nicht, wenn Sie mich mit Ihrem Charme überwältigen.«

Dr. Langston stieß mit der Schuhspitze gegen ein Rad des Rollstuhls. »Ich denke, wir sind bald so weit, uns von dem Kleinen hier zu verabschieden und Sie nach Hause zu schicken.«

Clares Magen zog sich nervös zusammen. »Schon? Ich dachte, Sie hätten von einem Monat gesprochen?«

»Sie haben sich wohl an uns gewöhnt, was? Können nicht mehr ohne mich leben?«

»Ja, so was in der Art«, erwiderte sie lächelnd. Mit dem kurzen blonden Haar und den schalkhaften blauen Augen war er ein echter Traummann. Schade, dass er auch zehn Jahre jünger war als sie. »Hübsch anzusehen sind Sie ja, schätze ich.«

Er grinste. »Welch ein Kompliment. Das steigt mir glatt zu Kopf. Ich bringe die Lady jetzt auf ihr Zimmer«, teilte er Jeffrey mit.

»Bis morgen, Clare«, verabschiedete sich Jeffrey.

»Kann es kaum erwarten.«

»Sie erholen sich gut«, erklärte Dr. Langston, während er sie über den Flur schob. »Die Pflegerinnen haben mir erzählt, dass Sie schon allein duschen und sich umziehen und dass Sie jeden Tag etwas weniger Hilfe benötigen.« Vor einer Bank auf dem Korridor blieb er stehen und setzte sich, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. »Ich dachte, Sie könnten gar nicht schnell genug von hier wegkommen. Was ist los?«

Sie zuckte die Achseln.

»Liegt es an dem, was Sie zu Hause erwartet?«

Sie hob eine Augenbraue. »Doch eher, was mich nicht erwartet.«

»Haben Sie mit Dr. Baker darüber gesprochen?«, fragte er und meinte damit ihren Psychiater.

»Immer mal wieder, aber wir konzentrieren uns im Moment noch auf den Übergriff und all das. Über das vorzeitige Ende meiner Ehe wollte ich nicht reden. Mein Leben scheint nur noch aus einem Haufen ungelöster Probleme zu bestehen«, verkündete sie mit genau dem Lächeln, das sie zu einem der Lieblinge des Pflegepersonals gemacht hatte, das sich in den letzten vier Monaten um sie gekümmert hatte.

»Ich denke, wir sollten ein Datum festlegen.« Dr. Langston verschränkte die Arme über dem weißen Laborkittel. »Heute in zwei Wochen?«

»Sind Sie sicher? Das ist schon so bald.«

»Ihre Töchter warten auf Sie. Wollen Sie nicht nach Hause zu ihnen?«

»Sie leben glücklich bei ihrem Vater.«

»Sie werden sich darüber freuen, Sie wieder bei sich zu haben. Darauf haben sie sehr lange gewartet.«

»Ich bin mir sicher, dass sie sich unterdessen daran gewöhnt haben, ohne mich zurechtzukommen. Wie soll ich denn drei Jahre mit ihnen aufholen?« Sie unterdrückte die Tränen, die ihr unwillkürlich in die Augen traten.

»Das können Sie nicht. Sie können nur nach vorne sehen. Ich werde ehrlich zu Ihnen sein, Clare: Keiner von uns hätte zu hoffen gewagt, dass Sie es je so weit schaffen. Sie haben alle Erwartungen übertroffen. Lassen Sie sich jetzt nicht im Stich, indem Sie aufgeben.«

Sie lachte leise. »Sie werfen mich raus, was?«

»Ich fürchte ja.«

»Sie waren alle ganz wundervoll. Sie werden mir fehlen.«

Er erhob sich von der Bank. »Ach was, Sie werden viel zu sehr damit beschäftigt sein, Ihr neues, fabelhaftes Leben zu genießen, um auch nur an uns zu denken.«

»Irgendwie bezweifle ich das.« Sie knetete die Hände im Schoß. Der Gedanke daran, nach Hause zu gehen, erfüllte sie mit Furcht.

Dr. Langston ging neben ihr in die Hocke, damit sie ihn anschauen konnte. »Reden Sie mit Dr. Baker. Sagen Sie ihm, wie es Ihnen damit geht, wieder heimzukehren. Lassen Sie sich von ihm helfen.«

»Das werde ich. Danke, Paul.«

* * *

Am nächsten Tag fiel Clare ein Artikel in der Newport Daily News ins Auge:

Prominenter Architekt heißt Zwillinge willkommen

NEWPORT – (27. August) Es geschieht nicht jeden Tag, dass Zwillinge die Hochzeit ihrer Eltern stören, aber genau dies ereignete sich am Dienstag.

Jack Harrington, Miteigentümer des renommierten Architekturbüros Harrington Booth Associates hier in Newport, und seine Frau Andi wurden von der Geburt ihrer Söhne John Joseph Harrington IV. und Robert Franklin Harrington überrascht. Die Zwillinge wurden während der Hochzeit ihrer Eltern im Infinity Newport Hotel geboren, dessen Geschäftsführerin ihre Mutter ist. Das im Dezember eröffnete Hotel wurde von Harrington Booth Associates entworfen und gebaut.

»Wir dachten, wir würden nur eine Hochzeit feiern, aber ich schätze, die Babys wollten das nicht verpassen«, erklärte Jamie Booth, Mr Harringtons Geschäftspartner und Schwager. Mr Booth ist mit Frannie, der Schwester von Mr Harrington, verheiratet. Die Booths sind ebenfalls Eltern von Zwillingen, den Einjährigen Owen und Olivia. »Andi und den Babys geht es hervorragend«, berichtete uns Mr Booth.

Die neugeborenen Zwillinge sind die Enkel von John und Madeline Harrington aus Greenwich in Connecticut, Betty Franklin aus Chicago in Illinois und dem verstorbenen Robert Franklin. Sie haben mit Jill, Kate und Maggie drei ältere Schwestern sowie mit Eric einen Bruder.

Clare las den Artikel ein zweites Mal. Es fiel ihr noch immer schwer, zu fassen, dass Jack jetzt mit einer anderen verheiratet war und mit ihr Zwillinge hatte – zwei Söhne. Jetzt wurde es auch noch in den Nachrichten breitgetreten. Jeder, der noch nicht wusste, dass sie und Jack seit Kurzem geschieden waren, erfuhr es nun druckfrisch.

Da ihr klar war, wie sehr ihre Töchter Babys liebten, konnte sie sich gut vorstellen, dass sie sich über ihre frisch geborenen Brüder freuten. Ohne Zweifel würde sie alles darüber hören, wenn sie sie besuchten. Die Erinnerung an die Geburten der Mädchen zauberte ihr ein Lächeln aufs Gesicht. Jill war gerade erst neunzehn geworden und begann ihr zweites Studienjahr an der Brown University in Providence. Kate würde im November achtzehn werden, und sie hatten ihr zugestanden, dass sie nach ihrem Geburtstag ein Jahr in Nashville verbringen durfte, um ihren Traum von einer Karriere als Countrymusikerin zu verwirklichen. Clares »Baby« Maggie würde im Dezember dreizehn Jahre alt werden.

Clare streckte die Hand nach dem Tisch neben dem Sofa aus, um sich das Buch zu nehmen, das Frannie ihr dagelassen hatte. Sie hatte ein paar Tage gebraucht, um den Mut aufzubringen, es zu öffnen, aber jetzt überwältigte sie die Neugier. Sie schlug die erste Seite auf und fand Trost in Frannies vertrauter, ordentlicher Handschrift. Der erste Eintrag war auf den 20. Juni datiert:

Es ist spät, und die Mädchen liegen endlich im Bett. Sie waren heute völlig überdreht – es ist der letzte Schultag. Wir haben jetzt eine Elftklässlerin, eine Zehntklässlerin und eine Viertklässlerin. Ich freue mich, sie zur Abwechslung einmal aufgeregt und glücklich zu sehen. Das ist schon eine Weile her.

  1. Juli

Jack sitzt jeden Tag stundenlang an Clares Bett. Er redet mit ihr, bis er heiser und erschöpft ist. Wenn ich ihn betrachte, frage ich mich, wie er jemals ohne sie leben soll. Aber er ist noch nicht so weit, daran zu denken. Ich weiß nicht, ob er jemals so weit sein wird.

Clare wischte sich eine Träne von der Wange und überflog weitere Einträge, die davon berichteten, was die Mädchen in jenem Sommer gemacht hatten. Jill hatte für eine Nachbarsfamilie Babysitterdienste übernommen, und Kate war zum ersten Mal in ein Ferienlager gefahren. Sie waren oft an den Strand gegangen, und Jamie hatte sie auf dem Segelboot mitgenommen, das ihm und Jack gehörte.

  1. August

Jill ist heute sechzehn geworden, und es ist ihr erster Geburtstag ohne ihre Mom. Sie war den ganzen Tag lang niedergeschlagen, hat aber die Feier genossen, die wir ihr nach dem Abendessen geschmissen hatten. Die Pflegerinnen, die sich um Clare kümmern, sind zu einem Teil der Familie geworden, und Jill hat sie auf ein Stück Kuchen eingeladen.

Genug, dachte Clare, bevor sie das Buch schloss und sich die Tränen trocknete. Das reicht für heute.